Mittwoch, 9. September 2009

Bloedbroeders (Blood Brothers)


Originaltitel: „Bloedbroeders“
Niederlande, 2008
Regisseur: Arno Dierickx
Drehbuch: Bert Bouma und Jan Bernard Bussemaker
Hauptdarsteller: Erik van Heijningen, Matthijs van de Sande Bakhuyzen, Sander van Amsterdam, Derk Stenvers, Carolien Spoor
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Bewertung:

*******
(nicht schlecht)
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Einen wahren Mordfall in den sechziger Jahren, der in den Niederlanden zu trauriger Berühmtheit gelangt ist, nahm der belgische Regisseur Arno Dierickx als Basis für sein Psychodrama „Bloedbroeders“. Der Jungfilmer, der in Brüssel Film studiert hatte, war bislang durch einige Kurzfilme und TV-Produktionen bekannt. „Bloedbroeders“ ist sein erster Kinofilm und fand vor allem wegen des Aufsehen erregenden Themas Beachtung, erntete ansonsten aber eher weniger gute Kritiken. Herausgestellt wird nur immer wieder die objektive Sichtweise des Films, die das Verbrechen ohne Schuldzuweisungen dokumentiert und in seiner psychologischen Tiefe darzustellen versucht.

Sommer 1960: Der 16-jährige Arbeitersohn Simon, ein schüchterner und intelligenter Jugendlicher aus einfachen Verhältnissen, freundet sich mit den reichen Brüdern Arnout und Victor van Riebeeck an, die an seine Schule gehen. Geblendet vom unbeschwerten Leben in der riesigen Villa der schwerreichen Familie lässt sich Simon immer weiter auf die dekadenten Spielchen der beiden Brüder ein. Als der 14-jährige Underdog Ronnie wegen eines gestohlenen Motorrads auf der Flucht vor seinem gewalttätigen Vater und vor der Polizei ist, verstecken die drei Freunde ihren Schulkameraden auf dem Dachboden der van Riebeeck-Villa. Aus der anfänglichen Hilfe wird im Laufe der Wochen ein subtiles Spiel um Macht und Unterdrückung. Und weil Ronnie sich nicht dazu bereit zeigt, sein – schon lange nicht mehr freiwilliges – Versteckspiel wieder aufzugeben, beschließen die Brüder Arnout und Victor ihren „Gast“ auf anderem Wege verschwinden zu lassen. Doch aus Angst vor der eigenen Courage überlassen sie es letztendlich ihrem Handlanger Simon zu versuchen, den sich sträubenden Ronnie mit einer Wäscheleine zu erwürgen.

Die Story hat wirklich Filmpotenzial, doch „Bloedbroeders“ plätschert in meinen Augen ziemlich unmotiviert dahin. Beim Thrill ob des bevorstehenden Verbrechens will der Funke nicht so recht auf den Zuschauer überspringen. Trotz einiger guter Ansätze ist die psychische Wandlung der drei Jungen im Verlauf des Films und ihre Motivation zu dem Verbrechen nicht scharf genug gezeichnet. Der Zuschauer erkennt zwar, wie die spielerische Faszination, Macht über einen anderen Menschen zu haben, langsam in Gewalt übergeht und wie das Opfer aus einer Mischung aus Dankbarkeit und Einschüchterung sich immer weiter in die Geborgenheit und die Einsamkeit seiner Gefangenschaft flüchtet. Wirklich unter die Haut geht das aber leider nicht. Auch die 60ies-Atmosphäre, die der Film vor allem durch die Musikauswahl zu schaffen versucht, wirkt etwas gezwungen. So waren es wieder einmal die vier Hauptdarsteller, die mich dazu bewogen haben, dem Film doch noch die Bewertung „nicht schlecht“ zu geben. Ihre nicht einfachen Rollen meistern sie hervorragend – auch wenn der 19 Jahre alte Sander van Amsterdam als Ronnie zu alt wirkt. Allen voran ist hier aber vor allem Newcomer Erik van Heijningen als Simon zu nennen, der mit kindlicher Unschuldsmiene in seinem sensiblen Charakter absolut überzeugt.

Das Bemerkenswerteste an der Geschichte – bekannt als der so genannte „Baarnse“-Mord an dem 14-jährigen Theo Mastwijk – ist allerdings das, was im Film nicht mehr gezeigt wird. Mehr als ein Jahr nach der Tat wird im Oktober 1961 die Leiche entdeckt. Die drei Täter – der 16-jährige Hennie Werkhoven und die 17 und 15 Jahre alten Brüder Boudewijn und Ewout Henny – werden gefasst und zu mehrjährigen Haftstrafen mit therapeutischer Behandlung verurteilt. Nach der Haftentlassung – Boudewijn glückte sogar ein Ausbruchsversuch, er konnte aber wieder gefasst werden – übernahmen die Henny-Brüder das Unternehmen ihres Vaters und erbten das Familienvermögen. Sie gehören heute mit einem Vermögen von geschätzt 150 Mio Euro zu den reichsten Leuten in den Niederlanden und ihr Versicherungsunternehmen Conservatrix wirbt mit dem Slogan „Schöner leben als man es geplant hatte“ („Leuker leven dan je van plan was“). Ihr Mittäter Hennie Werkhoven aber verschwand spurlos, nachdem er seine Strafe verbüßt hatte. Es ist bis heute unbekannt, was aus ihm geworden ist.

„Bloedbroeders“ lief im Rahmen des 23. Fantasy Filmfests 2009. Bei der Münchner Vorstellung war Regisseur Arno Dierickx leider nicht anwesend. Schade, ein paar mehr Informationen über seinen Film aus erster Hand wären interessant gewesen. Aber vielleicht war das auch ganz gut so – in Anbetracht der für einen windig-kühlen Samstag Abend wirklich schlecht besuchten Festivalvorstellung im Münchner City-Kino.
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Internet Movie Database
IMDb: Bloedbroeders

Trailer
YouTube: Bloedbroeders – Trailer (1:47 Min, niederl.)

DVD
Van Leest DVD Shop, Niederlande: Bloedbroeders
Bol.com, Niederlande: Bloedbroeders

Filmkritiken
Remember it for later – Filmtagebuch-Blog: „BLOEDBROEDERS erinnert etwas an Rob Reiners STAND BY ME […]“
Variety.com (engl.): „A surprisingly uncompelling drama, based on a true story […]“
Screenfanatic.com (engl.): „It’s hard to get overly enthused about Dierickx’s unremarkable film […]“

Links
Offizielle Website zum Film (niederl.)
Wikipedia.org: Bloedbroeders (engl.)
EénVandaag.nl: Artikel über den Baarnse-Mordfall (niederl.)
Fantasy Filmfest: Blood Brothers – Filmbeschreibung
Fantasy Filmfest-Fanblog: Zuschauer-Reviews

Tags: Coming of Age, Film, Kritik, Rezension, Review, Besprechung, Beurteilung, Bewertung, Beschreibung
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Kommentare:

Luke hat gesagt…

Guter Film!
Gibts übrigens in den Niederlanden auf DVD zu kaufen.

Mike hat gesagt…

Hi Luke,
danke für den Hinweis. Weißt du einen Online DVD-Shop in den NL, den du empfehlen kannst?
Mike

Luke hat gesagt…

Ich bestelle gerne bei van Leest:
http://www.vanleest.nl/
Die haben meistens die günstigsten Preise und absolut faire Versandkosten (3,50 für eine DVD)
Grüsse Luke

Mike hat gesagt…

Super, Luke, danke! ist schon veröffentlicht :-)
Mike